Zwischenräume

vom Lauschen - vom Werden - vom Leben im eigenen Takt

(ç) Regina Jenniges - Herbstblatt

Die folgenden Texte sind
zu verschiedenen Zeiten
entstanden und stehen hier
nebeneinander.
Manche früher, manche
später - verbunden nicht
durch ein Thema, sondern
durch eine gemeinsame
Bewegung.

Es geht um Übergänge,
um inneren Rhythmus,
um das Dazwischen.
Um Lauschen statt Handeln
und um das Vertrauen, dass
manches erst dann entsteht,
wenn man es nicht antreibt.

Diese Texte führen
vom Außen ins Innere,
vom Vermissen ins Spüren,
vom Getrieben sein in den
eigenen Takt.


Gänseflug

Die Welt ändert ihre Farben
und Gänse ziehen über mir in eine andere Zeit.
Ich höre ihre Rufe und ahne den Schlag ihrer Flügel.
Vogelzug: Es ist so weit!

In der Luft liegt dieser Hauch von Bewegung
und Veränderung.
Wenn ich nur fliegen könnte,
so wie sie:

Dahin strebend wo es gut ist
mit diesem sicheren Gespür für den richtigen Platz.
Eine von Vielen. Teil vom Ganzen.
Mit Gleichgesinnten unterwegs...

...weiter, immer weiter
über Grenzen.

Es ist die Zeit fliegen zu lernen.



Der Traum

Wenn Grau und Schwarz das Licht verfluchen.
Wenn Schatten andere Formen suchen.
Wenn Namen sich ändern, wie in fremden Ländern.
Wenn was du weißt zu Staub zerfällt
und Unsichtbares zu dir hält.
Dann bist du dort, weit fort, und doch bei dir, ganz hier.
Schattenleben. Nachts und immer.
Erkennst den Grund im nächtlichen Schimmer.
Denn hinter der sanften Hügel Saum
wacht für dich ein Traum!



Wurzelreise

Dunkel, modrig, feucht und still,
wenn ich zu meinen Wurzeln will.
Die Säfte, die Kräfte entspringen hier,
nähren und halten alles von mir.

Nichts bewegt sich, nichts vergeht, alles steht,
atmet tief, Atem fließt, Wurzel sprießt.

Hier unten, ohne Himmelszelt,
wächst langsam meine Wurzelwelt.
Hier wachsen Halt und Zuversicht
in tiefer rauer Erdenschicht.


Tänzerin in Bewegung

Die Tänzerin

Es war vor langer, langer Zeit, vielleicht vorgestern, an einem weit entfernten Ort, sagen wir um drei Ecken. Da gab es einmal eine Frau, die hatte sich entschieden, den Tanz des Lebens zu tanzen. Die Frau fragte sich, wohin dieser Tanz sie wohl führen werde, und sie lauschte viele Stunden nach einer Antwort, doch sie hörte nur eine fremdartige Melodie. So tanzte sie weiter, sagen wir unendlich und ein bisschen.

Es vergingen lange Tage, bis sie irgendwann, in einem selbstvergessenen Moment, in ihrer Melodie die goldene Stimme der Vergangenheit, die erdige Stimme der Gegenwart und die luftige Stimme der Zukunft erkannte. Und sie ging auf diese Reise, sagen wir, sie öffnete ihre Taschen und begann auszupacken.

Die goldene Stimme der Vergangenheit gab den Rhythmus vor: sie tanzte den Tanz der Trauer und der Enttäuschung, den Tanz der Wut und des Schmerzes und den Tanz der Dankbarkeit. Gegen Ende dieser Reise wurden ihre Bewegungen leicht und leise, sagen wir, wie der Schnee von gestern. Die Frau legte die Dinge an ihren Platz zurück, und was übrig blieb fügte sie ihrem Lebenstanz hinzu und es entstand ein neuer Rhythmus.

Nun war sie bereit für die erdige Stimme der Gegenwart. Die Frau machte neue, schmerzhafte und glückliche Erfahrungen, sie tanzte aus der Reihe und manchmal tanzte sie den Menschen auf der Nase herum. Doch immer wieder kamen Zeiten der Unentschlossenheit, Zeiten, in denen sie sich gegen den Rhythmus bewegte. Sagen wir, sie zweifelte an ihrer Choreografie.

Trotz allem ließ sie sich weitertreiben und tanzte den Tanz zur Stimme der luftigen Zukunft. Dort war alles möglich: es war belebend und voller Hoffnung und es war lähmend und voller Angst. Sie drehte, wirbelte, schwankte. Und die Frau, die den Tanz des Lebens tanzte, verlor ihren Mut, sagen wir, sie wollte sich auf Hasenfüßen davon machen.

Es war ihr nun nicht möglich, den Rhythmus wieder aufzunehmen, ihren Takt zu spüren und die Melodie zu erahnen. Der Kanon ihres Lebens zog sie in einen Wirbel. Als es unerträglich wurde, ließ sie alles los, auch sich selbst.

In der kurzen Stille, die nun entstand, fühlte sie einen neuen Takt –den Takt ihres Herzens. Da sie nichts anderes hatte, achtete sie auf diesen Rhythmus, hielt sich daran fest und lauschte. Er erzählte etwas von Sehnsucht und murmelte leiser werdend von einer langen Suche – ihrer Suche. Später, als sie ruhiger geworden war, raunte der Rhythmus ihr zu, dass auch sie schon seit einer Ewigkeit gesucht wurde und dass sie gefunden würde, wenn sie nur ein Weilchen innehalten könne. Da wurde sie ruhig, war hier und jetzt und hörte den Text zu ihrer Melodie:

Das Jetzt ist die Beute
von Angst und von Wut
verscheucht aus dem Heute
versteckt es sich gut.
Der alte Schmerz
verschließt das Herz.
Was darf nicht sein, ist dennoch dein?
Was ist, was du bist,
hinter Schloss und Riegel?
Tanze, tanze vor dem Spiegel!
Du siehst, wer du bist und was du warst.
Schau genau, was du jetzt alles hast.
Tanze und sei auf dieser Erde,
davon das Gold für dein Leben werde.


Jetzt

Abenddämmerung.
Grillen zirpen, ein Kuckuck ruft,
Frösche quaken am See.
Die halbe Scheibe Silbermond leuchtet verschleiert vom Himmel.
Still liegen die Seerosenblätter auf dem glatten Wasser.
In der Nähe der Nacht ist die Welt schlafumfangen.
Das Jetzt ist Frieden.

Frieden auch im Innern:
Stille, Ruhe, Schweigen.
Die Seele streckt sich, breitet sich aus, weitet ihr Sein und atmet.
Die Weltenseele begrüßt ihresgleichen und seufzt ein Willkommen.
Ein tiefes Sehnen will erkannt werden, lockt mit zartem Ziehen.
‚Bleib bei mir’ flüstert es.
Das Jetzt ist ein Geschenk.

Zwielicht.
Die Dämmerung bringt Feuchtigkeit mit.
Abend-Tau legt sich ins Gras.
Es riecht nach Erde.
Sonnenwarme Steine verabschieden den Tag.
Blütenduft vergeht mit der Kühle des Abends.
Das Jetzt ist Berührung.

Die Seele öffnet sich,
hält lange inne,
überlässt sich,
nimmt an,
lächelt,
dankt.
Das Jetzt ist Erfüllung.


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